Junge Stadtlandschaften

Von Dr. Juliane Pegels und Friedhelm Terfrüchte, Davids & Terfrüchte Landschaftsarchitekten Partnerschaftsgesellschaft Essen

Junge Stadtlandschaften

Fragestellungen rund um Bildung werden in zahlreichen Kontexten diskutiert. Über neue Schulformen und Betreuungskonzepte wird derzeit genauso leidenschaftlich debattiert wie Schließungen von Schulstandorten für Aufregung sorgen. Selten aber werden dabei die besonderen Bedürfnisse von Jugendlichen im Quartier, in ihrem alltäglichen Umfeld thematisiert. Mit dem Umbau von Schulhöfen, der Neugestaltung von Spielplätzen oder dem Bau von Skaterrampen ist es nicht getan. Junge Erwachsene haben Nutzungsansprüche an Freiräume, die wir oftmals zu wenig kennen und entsprechend zu wenig Beachtung schenken. Aber genau das ist wichtig. Wenn wir für diese Nutzergruppe nicht Räume schaffen, in denen sie lernen sich zu beschäftigen, miteinander umzugehen und die Vielfältigkeit unserer heutigen Gesellschaft zu erleben, sind Konflikte vorprogrammiert. Dazu bedarf es aber mehr als monofunktionaler Schulhöfe und normierter Sportplätze. Die Planung und Gestaltung von jungen Stadtlandschaften verlangt, dass wir die jungen Menschen Ernst nehmen und verstärkt teilhaben lassen: am Stadtraum und als Experten in den Prozessen zur Entscheidungsfindung.

Schule als einen zentralen Ort von Gesellschaft und Stadt zu begreifen, bedeutet unter anderem, sie aus ihrem umzäunten Dasein zu befreien und verstärkt zum Bestandteil von Quartier und Nachbarschaft zu machen. Insbesondere mit der Einführung des Ganztagsbetriebs werden Schulen zu neuen Kristallisationspunkten. Waren sie früher nur am Vormittag geöffnet und bildeten danach unzugängliche Inseln im städtischen Gefüge, so verlangen umfassendere Unterrichtszeiten andere Öffnungszeiten, aber auch ein anderes Verständnis von diesen Orten. Freiflächen rund um Bildungsinstitutionen müssen die konventionellen Aufenthaltsfunktionen eines Schulbetriebs übernehmen, aber auch Begegnungsraum sein, ein für Jugendliche attraktiver Raum, der sie ganztägig anlockt. Diese Überlegungen waren bei der Gestaltung des SchoolWalk in Wuppertal ausschlaggebend. Im Rahmen der Regionale 2006 wurde aus dem eingefriedeten Areal eines Berufsbildungs- und Hochschulzentrums, das täglich von mehreren Tausend Schülern und Studenten genutzt wird, ein offener, multifunktionaler Campus. Das Herzstück bildet ein breiter deutlich gegliederter, linearer Raum, der zwischen den verschiedenen Schulgebäuden vermittelt und den Campus sowohl an die Stadt als auch die Ufer der wiederentdeckten Wupper anbindet. Als „Catwalk“ schafft er neue Möglichkeiten zur Begegnung, lockt zu allen Tages- und Nachtzeiten zum Verweilen und ist wichtiges Teilstück im lokalen Wegesystem.

Der demographische Wandel hat Auswirkungen auf viele Bereiche der Stadt- und Raumplanung. Natürlich macht er auch vor der Neuorganisation von Schulen nicht halt. Aber es stehen nicht nur Schließungen von Schulstandorten an, ganz im Gegenteil. Es gibt auch zunehmende Flächenbedarfe wie zum Beispiel in der Josefschule in der Innenstadt von Krefeld. Dort war das Gelände einer großen Schule inmitten eines Stadtumbaugebiets dem zunehmenden Nutzungsdruck nicht mehr gewachsen. Nach zähem Ringen mit der Nachbarschaft wurde ein angrenzender, verkehrsberuhigter Straßenraum hinzugezogen und so umgestaltet, dass er als multikodierter Raum allen Aufenthaltsqualität bietet: den Schülern, den Bewohnern des Quartiers und Besuchern. Die neu gestaltete Fläche ist mit Spielobjekten, Sitzbänken, Bäumen ausgestattet und damit zu allen Zeiten und für alle Aktivitäten attraktiv. Dieses neue Zusammenspiel von Schul- und Stadtraum zeigt, dass eine mehrfache und sich überlagernde Nutzung eine Bereicherung ist, dass die strukturelle Beziehung zwischen Schule und Quartier über den Freiraum gestärkt werden kann. Die neugestaltete Corneliusstraße zeigt auch, dass wir wegkommen müssen vom zielgerichteten Erfüllen schul- und verkehrsbehördlicher Anforderungen hin zu einer zusammenhängenden Betrachtung und integrierten Gestaltung von Freiräumen in einem Quartier.

Andere Länder sind in dieser Hinsicht viel unkomplizierter. In den Niederlanden sind zum Beispiel Mehrfachnutzungen von Parkanlagen häufig zu finden. Auch im belgischen Brügge werden städtische Grünanlagen selbstverständlich für den Schulsport genutzt. Diese Multikodierung ist aber nicht nur eine Lösung bei Raumnot. In vielen Teilen unserer Städte schrumpft und altert die Bevölkerung so, dass einige Parkanlagen kaum mehr genutzt werden. Auch in diesen Fällen lohnt es sich darüber nachzudenken, ob nicht auch diese Orte sportfähig werden können. So überrascht es in Londons Regent Park keinen, dass neben einer 400 Meter Laufbahn Wettkampfsport direkt neben alltäglicher Erholung stattfindet. Ganz im Gegenteil. Dort kommen verschiedene Generationen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen und profitieren von dem anregenden Nebeneinander. Mit diesem weniger konventionellen Verständnis von Bildungslandschaft rücken auch Sportanlagen ins Visier. Eine Vielzahl bleibt mittlerweile oft ungenutzt, trotz sichtbar verändertem Freizeitverhalten. Sie werden in der vorhandenen Konfiguration nicht mehr nachgefragt, obwohl die Menschen sich zunehmend sportlicher Betätigung erfreuen. Also auch hier ist es an der Zeit, vorhandene Einrichtungen kritisch zu betrachten und den aktuellen Bedürfnissen anzupassen. Wie das aussehen kann, zeigt ein multifunktionales Spielfeld in Gelsenkirchen-Bismarck, das an 365 Tagen Sport auf Kunststoffdecke und unter Flutlicht ermöglicht. Dass die Menschen ihren sportlichen Aktivitäten zu allen Uhrzeiten nachgehen wollen, beweisen auch beleuchtete Laufstrecken. In Essens Grugapark oder dem Romberg Park in Dortmund erfreuen sich die Wege bei Dunkelheit ganzjährig großer Beliebtheit.

Wenn Freiräume für Jugendlichen nicht mehr nur als monofunktionale Angebote verstanden werden, hat das auch Konsequenzen für die Planung. Als integrale Bestandteile des Quartiers dürfen sie nicht mehr nur Produkte fachplanerischer Einzelentscheidungen sein, sondern Resultate gemeinsamer Diskussions- und Zielfindungsprozesse. Diese Botschaft ist nicht neu; das Instrument der integrierten Stadtentwicklungskonzepte plädiert genau für die Einbeziehung aller Akteure. Dazu gehören auch junge Menschen, und dass sie andere Sichtweisen auf Stadt haben, zeigt das Projekt zum Rather Corso in Düsseldorf-Morsenbroich/Rath. In diesem sozial schwachen Stadtteil von Düsseldorf wurde in einem innovativen Dialog mit Jugendlichen untersucht, wo die Räume sind, in denen sie sich gerne aufhalten, sich bewegen und was sie dort hinzieht. Es ging in diesem Spiel- und Bewegungskonzept nicht darum Standorte für Spielplätze nach DIN-Norm zu identifizieren, sondern beliebte Plätze und Bewegungsräume zu schützen und aufzuwerten, durch gezielte „Akupunktur“ zu vernetzen und an ausgewählten Orten neue Möglichkeitsräume zu schaffen. Dieses Pilotprojekt wird mit Förderung des Landes NRW realisiert. Jenseits von Düsseldorf trägt es dazu bei, die Aufenthalts- und Bewegungsbedürfnisse von Jugendlichen im Stadtraum mit anderen Augen zu sehen und sie als Experten in diesem Handlungsfeld ernst zu nehmen. Über diesen dialogorientierten Ansatz werden gemeinsam mit den jungen Menschen Orte geschaffen, mit denen sie sich identifizieren, die sie akzeptieren und für die sie Verantwortung übernehmen. Destruktiven Kräften und Vandalismus ist damit jeglicher Wind aus den Segeln genommen.

 

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